Nazivokabular

Ich lese derzeit LTI – Notizbuch eines Philologen. Diese lose Abhandlung über den Sprachgebrauch des Dritten Reiches basiert, nomen est omen, auf den Notizen des jüdischen Philologieprofessors Viktor Klemperer, welcher nach dem Verlust seiner Position fortan ohne Zugriff auf Fachliteratur Beobachtungen über den durchdringenden Sprachwandel in seinem Tagebuch verschriftlichte.

Noch auf den ersten Seiten erschreckte ich heftig. Klemperer schreibt auf Seite 7,

Die Sprache des Dritten Reiches hat aus neuen Bedürfnissen heraus der distanzierenden Vorsilbe ent einigen Zuwachs zuteil werden lassen […]. Fenster mußten vor der Fliegergefahr verdunkelt werden, und so ergab sich die tägliche Arbeit des Entdunkelns. Hausböden durften bei Dachbränden den Löschenden kein Gerümpel in den Weg stellen, sie wurden entrümpelt.

Halt! Entrümpeln? Dieses drollige, verträumte Wort aus romantischen Kindertagen soll ein Naziwort sein? Ich bereitete mir unsägliche Mühsalen und forschte nach dem zeitlichen Ursprung der Vokabel mit allen Mitteln der modernen Technik. Ich suchte bei „Google nGram Viewer“ nach „entrümpeln“: Die unfehlbare Weisheit von Google bestätigte die grausliche Annahme. Der Ursprung des Wortes liegt im dunkelsten Kapitel unserer Geschichte. Darüber hinaus suchte ich nach Vergleichswörtern. Ein Schreckensbild:
Verlaufsgraph

Die Wörter „entrümpeln“ und „Judenschwein“ treten zur selben Zeit, im selben Jahr auf. Welchen Beweis für die Schändlichkeit des Wortes bedarf es noch?
Je länger ich über die Bedeutung des Verbes grübelte, desto offenbarer wurde sein menschenverachtender Charakter. „Entrümpeln“! Das ist nicht die friedvolle Beschäftigung einer Familie, die Sonntagnachmittag in basisdemokratischer Manier über das Schicksal von alten Spielsachen berät. Nein, nein, Entrümpeln ist nicht Aufräumen oder Aussortieren. Entrümpeln, das ist die Tätigkeit einer kaltblütigen Mutter, die, unberührt vom hilflosen Flehen ihrer großäugigen Tochter, Kuscheltiere wegschmeißt; Entrümpeln ist der Sound von alten Kinderüberraschungsfiguren im Müllschlucker, deren Zermahlenwerden sich gleichsam einem hochfrequenten Leidensschreie durch das Mauerwerk frisst, mitten in das von innen verschlossene Kinderzimmer, durch die Kopfkissen über die Ohren – tief in das Kinderherz hinein.

Einige linguistische Schlauköpfe mögen anmerken, dass alles an diesem Beitrag totaler Unfug sei. Sie haben vielleicht recht. Aber vielleicht habe ich recht. Denken Sie darüber nach, es liegt bei Ihnen.

GEGEN ENTRÜMPELN!

Dieser Beitrag wurde unter Kommentar, Schminken, Sprachliches abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.