Gänsehaut pur

Alphons betrachtete das Bild aufmerksam, betrachtete die Menschenmassen, die minutiös gemalten Faltenwürfe und identifizierte, erstaunlich schnell für einen ehemaligen Blödsinnigen, die auf dem Gemälde abgebildete Szene.  Ja, es handelte sich ganz eindeutig um den Leidenswegs Jesu, erkenntlich an den ganzen Details, die auf den Leidensweg Jesu hindeuteten, so dachte Alphons. Den Herrgott selbst erkannte er an seiner typischen Haut, dieser panierten Kruste, der üblichen Jesus-Hühnchenhaut, üblich für die prachtvollen barocken Darstellungen. Maria, seine Vogelmama, das war die adrette Frau mit provokativen T-Shirtaufdruck „Ukraine ist nicht Bordell“, welche sich wenige Meter hinter dem gemarterten, fleischlichen Gottessohn hielt und beträchtliche Probleme hatte, den steilen Ölberg mit hochhackigen Schuhen zu erklimmen. Der Papst residierte als lachender Pfannekuchen an Stelle der Sonne. Alphons schloss die Augen. Phosphene zuckten wild vor schwarzer Leinwand, formten skurrile Tiere, transformierten in ferne Erinnerungen, leuchtende Backwaren und das gesamte Sortiment einer Brottheke in einem schattigen Tal aus noch mehr Erinnerungen. Und alle waren da: Großmama, der sanftmütige Briefträger, Benni, Ralf und der ganze bunte Haufen der Wu-Tang-Radrennstaffel.  Alphons versuchte die Szene zu memorieren, wollte sie festhalten, doch je beharrlicher er wurde, desto zerstobener verblieb das Gebäck in seinen porösen Hirnwindungen; dann vermischten sich seine Freunde mit dem Gebäck, steckten mit Haut und Haaren fest, waren am erstickten, AHHH, hilf mir Alphons, wir kriegen keine Luft, du hast uns getötet. Lawinen, Emanationen, Explosionen.  Er gelangte durch die Museumswasserrutsche (durch die Fenster waren weitere Exponate wie der Vietnamkrieg zu sehen) in das untere Stockwerk.

Dort schlenderte er auf dem gut abwaschbaren Schlangenlederboden des Museums am schlechten Gewissen vorbei bis hin zur dort ausgestellten Hirnmanschtmaschine von Picasso („Bezeichnung HMM1. Diese äußerst robuste Hirnmanschtmaschine von Picasso ist ein Wunderwerk deutscher Qualitätstechnik und bezeugt die Ingenieurskunst ihrer Herstellergeneration. Der unverwüstliche Außenpanzer schalt die HMM1 von kosmischer Strahlung ab, während ein Zweizylinderottomotor den nötigen Schub zur Zermanschung liefert.“ ).  Picasso war der erste, der höchstpersönlich sein Gehirn darin zermanscht hatte und eine Kontaktlinse einer Zuschauerin dieses Ereignisses, welche von winzigsten Spritzern des Picassoschleims getroffen worden war, war in einer Vitrine zusammen mit Mondsteinen, alten Schulstundenplänen und den Hoden des letzten Kastraten ausgestellt. Die Hirnmanschtmaschine war aus zwei (oder mehr) rostigen Pissrinnen alter Kabarettschuppen, in die die Kabarettisten nach der Vorstellung ihre Witze zu entsorgen pflegten,  geschweißt, die durch Dampfdruck aufeinandergepresst wurden und mithin den Zermanschungsvorgang initiieren. Alphons blieb andächtig stehen. Er hatte den Ausführungen der referierenden Museumsdirektorin gelauscht, jedoch nur die ersten 80 Wörter verstanden. Soviel ließ sein Ausweis als ehemaliger Blödsinniger zu. Wenn er älter würde, könnte sich die Anzahl erhöhen; tatsächlich war er sogar beträchtlich älter geworden als zu dem Zeitpunkt, da ihm der Ausweis ausgestellt worden war. Allerdings war er der Behördengänge, und ein solcher – oder vielmehr eine ganze Reihe solcher – wären zwingend notwendig gewesen, um das zulässige Verstehensvolumen zu erhöhen, überdrüssig und er verstand sich derzeit auf andere Verschwendungen seiner Zeit, so die Theaterkritik oder Castordemos. Er empfand ein subtiles Kribbeln bei der Vorstellung etwas von dem Gehirnmanscht zu stehlen und klammheimlich auf eine der Demos mitzuschmuggeln, unentdeckt unter seinem langen, grauen Mantel. Tausend Fernsehkameras auf ihn gerichtet. Ein Interview. Große politische Schaubühne und Hirnmanscht unterm Röckchen, drei, vier Tröpfchen auf das Köpfchen eines Hungerstreikenden, niemand hat’s gesehen, mir wird nichts geschehen – O, Schreck die Polizei, da war’s dann auch vorbei. Nun bin ich im Knast, haste nichts verpasst.

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