„Hast du’s schon gebloggt?“

Gastbeitrag von Rainer-Rose Mondland

Transrapid

Ein Transrapid, wie er im Buche steht.

„Hast du’s schon gebloggt?“ fragt Tante Gisela, als ich ihr von meinem neuen Karottenkuchen-Rezept erzähle. „Das interessiert doch keinen“, erwidere ich. „Du bist was du isst, du schockst wie du bloggst!“ weiß Gisela. Recht hat sie. Sie muss es wissen, hat unter anderem Namen schon Gastbeiträge im BILDblog verfasst, die der politischen Gesellschaft den nackten Finger zeigen wie es viele männliche Warmblogger nicht schaffen, die ihr Gegenüber stets mit Samthandschuhen anfassen. „Samthandschuhe, wäre das nicht eher was für Frauen?“ denke ich verträumt, aber Giselas starker Kaffee reißt mich zurück in diese Welt. Ja, Frauen und Technik, das ist wie Sodom und Gomorra, wie Pat und Patachon, kurz: sie passen eigentlich doch besser zusammen als man denkt. Und gerade Gisela erstaunt mich immer wieder. „Du hast doch gar keinen PC“ entgegnete ich ihr verwundert, als sie mir neulich erzählte, #Blumenkübel sei ja jetzt Trending Topic, just nachdem sie einen auf Oma Herlindes Grab ausgetauscht hatte, welch Koinzidenz! Sie hatte gelächelt, verschmitzt, aber doch wie es sich für eine Tante gehört, und einen TabletPC aus der Handtasche gekramt, in der anderen Hand ihre Tasse Kaffee haltend – auch so etwas, was nur Frauen können. Müsste ich in einer Handtasche kramen, wäre ich nicht fähig, dabei noch einen Kaffee… aber auch: trüge ich eine Handtasche, wäre ich ja auch schon halb Frau, halb Mensch, da brächte ich das vielleicht doch schon fertig. Kein iPad allerdings, nein, zum Apple-Fangirl würde Gisela nun auch wieder nicht mutieren. Tante bleibt Tante, Apfel bleiben im Kuchen. Und Kuchen machen, das kann sie, wo sonst soll ich das Originalrezept für Karottenkuchen her haben, das, wie sich in einem direkten Vergleich feststellte, gegen meine Neuerfindung doch gewinnt, denn meiner hält dem Vergleich nicht stand. „Es geht doch nichts über Mutterkuchen!“ hatte meine Cousine augenzwinkernd bemerkt, was aus ihrer Sicht richtig sein mochte, für mich blieb Tante Gisela aber Tante, und ihr Kuchen der einer Tante. Meine Mutter kann nicht kochen, hatte sie nie gekonnt.

Rädern

Selbst Tante Gisela zu neumodisch: Das Rad.

„Hast du’s schon gebloggt?“ Die Frage verfolgt mich seitdem, sie drückt auch mehr aus als man an der matten Oberfläche erkennt: die Medien heute sind schnelllebig, und umschließen unser Leben, sodass der Gegenangriff der Verwirkung das einzige Mittel ist. Und ich habe es gebloggt, habe mich als echter Netizen bewiesen, die digitale Bohème hat sich noch nicht sattgegessen am metaphorischen Karottenkuchen. Vitamin A ist ja auch gut für die Augen, Vitamin B braucht man aber heute noch dringender, auch und gerade in der Blogosphäre. Wir befinden uns seitdem auf einem schmalen Grat zwischen Realität und Wirklichkeit, und der wird immer schmaler, infinitesimal, bald nicht mehr quantifizierbar. Dann geht es nur noch um seine Existenz: Gibt es einen Grat oder nicht? Wie beim Rückgrat, es ist nicht mehr wichtig, ob es breit oder schmal, starr oder biegsam ist. „Hast du Rückgrat oder hast du keins?“ lautet die fatische Frage, die wir uns täglich stellen müssen, wenn wir an der Ampel stehen und den Verlauf der Zukunft planen – so hätten wir es jedenfalls gern. Doch aus dem Rückgrat ist vielerorten schon ein Rückrad geworden, so stellte ich mir immer die mittelalterliche Folter vor: Wer Rückgrat hat, der wird gerädert, jede ketzerische Frage wird erstickt, zurück bleibt biegsames, formbares Gewürm, Gewürm wie du und ich; Gewürm, wie es uns zerfrisst, im Leben figurativ, im Tode definitiv. Und tief. Tief in der Erde. Wo es warm wird. Endlich ein Feuer im Herzen, wie wir es uns immer wünschten. Oder?

Die Wünsche von heute zeugen die Reue von morgen; die Reue von gestern ist das Vergessen von heute. Wenn nun das Vergessen von morgen der Wunsch von gestern ist… was bleibt dann? Alles bleibt, aber es bewegt sich nicht, außer im Kreis. Ist das Bewegung oder ist es Stillstand? Tante Gisela meint, ja. Und sie muss es wissen, Frauen haben dafür ein Gespür, für den sozialen Kontext, sind multitaskingfähig. Sie meint das sogar während sie Kaffee trinkt und in der Handtasche kramt. Als sie dann auf dem TabletPC ihr Twitter-Deck startet, meint sie aber gar nichts mehr. Ist das unsere Realität? Der Baum der Erkenntnis? Oder doch nur ein Surrogat für die, die uns nicht mehr kümmern? All die Fragen treten letzten Endes aber doch in den Schatten, und es bleibt die Frage: „Hast du’s schon gebloggt?“ Ja, habe ich, und ich fühle mich freier. Haben Sie es schon gebloggt?

Dieser Beitrag wurde unter Ernährung, Kommentar abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.